Beantwortet
Autor Irmgard Sauerer am 28. Juli 2017
3012 Leser · 164 Stimmen (-1 / +163) · 3 Kommentare

Die Kanzlerin direkt

Energiewende - Netzausbau um jeden Preis?

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,
Ich bin Bürgermeisterin der Gemeinde Brennberg im Landkreis Regensburg im schönen Bayern.
Seit gut einem Jahr sind wir als betroffene Gemeinde befasst mit dem Thema HGÜ-Leitungen.
Im Osten Bayerns soll der Süd-Ost-Link verlaufen,von der Bundesregierung beschlossen. Unterirdisch - ein 40m-Korridor durch unberührte Natur im Vorderen Bayerischen Wald. Wir leben mit und von unserer herrlichen Landschaft. Mit den Leitungen wird ein Teil zerstört und zwar unwiederbringlich. Welche gesundheitlichen Folgen für Mensch u. Tier eine 500- KV-Leitung mit sich bringt wissen wir nicht.
Ich habe heute einen sehr interessanten Vortrag von Frau Prof. Dr. Claudia Kempfert -eine renommierte Wirtschaftswissenschaftlerin und Mitglied des Sachverständigenrates für Energie-und Umweltfragen - gehört. Sie sagt die geplanten HGÜ-Leitungen sind nicht notwendig, sie verschlingen Unmengen an Geld und dienen ausschließlich dem Transport von antiquiertem Kohlestrom und Off-shore-Strom. Dieses Mammut-Projekt wirkt einer dezentralen Energiewende entgegen. Die Kosten zahlen ausschließlich die Stromkunden. Die Gewinne der abgeschriebenen Kohlekraftwerke fahren die Konzerne ein.
Verehrte Frau Bundeskanzlerin,
warum setzen wir - die Bürger, die Kommunen, der Bund - nicht konsequent auf erneuerbare Energien und zwar in dezentraler Form - so wie wir am Anfang der Energiewende gestartet sind?

Warum werden die Fakten und Zahlen von Sachverständigen und Wissenschaftlern wie Frau Prof. Kempfert nicht in die Entscheidungen der Bundesregierung einbezogen?

Ich schätze Ihre kontinuierliche und sachliche Arbeitsweise sehr. Ich hoffe, dass Sie meine Fragen beantworten und ernst nehmen. Ich wünsche Ihnen alles Gute!

Irmgard Sauerer

+162

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Antwort
im Auftrag der Bundeskanzlerin am 28. August 2017
Angela Merkel

Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin,

vielen Dank für Ihre Frage, die wir im Auftrag der Bundeskanzlerin beantworten.

Unter Federführung der Bundesnetzagentur wurde nach öffentlicher Diskussion aus einem sogenannten Netzentwicklungsplan der Bundesbedarfsplan entwickelt. Das Bundesbedarfsplangesetz trat im Juli 2013 in Kraft. Der Bundesbedarfsplan legt den Bedarf sowie die Anfangs- und Endpunkte für wichtige Leitungen des Übertragungsnetzes fest. Die darin enthaltene Liste der energiewirtschaftlich notwendigen Vorhaben wird auf Basis weiterer Netzentwicklungspläne kontinuierlich aktualisiert. So basiert das derzeit aktuelle Bundesbedarfsplangesetz auf der dritten Bedarfsermittlung und trat im Dezember 2015 in Kraft.

Großprojekte, von denen viele Menschen mit ihren unterschiedlichen Interessen betroffen sind, lassen sich in der Regel nur auf der Basis von Kompromissen realisieren. Um diese zu finden, bleibt die Bundesregierung im Gespräch mit Verwaltung, Energiewirtschaft, Umweltorganisationen und den Verbrauchern.

Für den Ausbau der Übertragungsnetze ermöglicht die „Plattform Energienetze“ Vertretern von Bund und Ländern, Wirtschafts-, Verbraucher- und Umweltorganisationen sowie den Netzbetreibern einen regelmäßigen Informationsaustauschs beim Erarbeiten von Empfehlungen zum Netzausbau und zur Netzmodernisierung. Die Bundesregierung fördert zudem den Bürgerdialog Stromnetz mit einer Vielzahl von Informations- und Dialogangeboten:
https://www.buergerdialog-stromnetz.de/?gclid=EAIaIQobChM....

Die Bedarfsermittlung ist Gegenstand eines alle zwei Jahre neu startenden Prozesses zu Netzentwicklungsplänen mit breiter Öffentlichkeitsbeteiligung. Noch bis zum 16. Oktober 2017 läuft die Konsultation der Bundesnetzagentur zum Netzentwicklungsplan 2017 bis 2030, an der sich alle Bürgerinnen und Bürger beteiligen können. Der breit angelegte Informationsaustausch berücksichtigt auch kritische Stimmen zu den Vorhaben. https://www.netzausbau.de/home/de.html

Fragen und Antworten zur Energiewende und zum Netzausbau:
https://www.bundesregierung.de/Webs/Breg/DE/Themen/Energi...

Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

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  1. Autor Olga Brandl
    am 01. August 2017
    1.

    Netzausbau durchs „Auenland“?

    Bürgermeisterin Irmgard Sauerer hat recht mit Ihrer Ablehnung des Südostlinkvorhabens und mit ihren wertschätzenden Worten über die Kanzlerin.

    Das Himmeltal hat Hoffnung.

    Wenige Kilometer östlich der Weltkulturerbestadt Regensburg, liegt eine Landschaft, mit dem Namen „Himmeltal“. Vor 700 Jahren gründeten Benediktinermöche Frauenzell, das „stille Waldklösterl“. Um das Kloster herum siedelten sich Handwerker und Künstler an, die Aufträge für den Bau und die Ausgestaltung von Kloster und Kirche bekamen, Bauern, die dem Wald Weinberge und Felder abrangen. Die kleinen Häuser rund um die Klostermauer und die vielen Einödhöfe, die heute noch oft wie Inseln mit ihren Feldern, Wiese und einem Fischteich wie verwunschen plötzlich vor dem Wanderer auftauchen, legen noch heute Zeugnis ab von einer achtsamen Bewirtschaftung im Einklang mit der Natur..

    Die derzeitigen Bestrebungen von Altenthann, Brennberg-Frauenzell, Donaustauf nicht nur die „Hotspots“ in dieser Landschaft – Burgen, Walhalla, den alten Pfarrhof mit Heimatmuseum und das ehemalige Benediktinerkloster – als touristisches Kapital zu nutzen, sondern auch die Wirkungen dieser Bauten und der sie tragenden Ideen auf die, sie umgebende Landschaft und auf ihre Menschen darzustellen, erlebbar und verstehbar zu machen, sind gefährdet durch das Projekt Süd-Ost-Link, dessen alternativloser Nutzen angezweifelt werden darf und das dauerhaften, nicht wieder gut zu machenden Schaden anrichten wird.

    Ich kann den Ausführungen der Bürgermeisterin von Brennberg, Irmgard Sauerer, nur zustimmen. Ein Jahrhunderte altes „Auenland“ wie in Tolkiens „Herr der Ringe“, aber nicht wie im Buche, sondern in der Realität, soll geopfert werden für eine im Moment als wirtschaftlich alternativlos angesehene Technik, deren Nutzen für die Zukunft heute schon absehbar zweifelhaft erscheint.

    Es gibt viel zu lernen hier, von der Landschaft und von den Menschen. Vielleicht wird aus dem realen Himmeltal eine „pädagogische Provinz“, eine Landschaft Kastalien, wie Hesse seine wunderbare Zukunftsvision in seinem „Glasperlenspiel“ beschreibt.

    Wir hier im Himmeltal, wir bleiben aufmerksam.

  2. Autor Hubert Kohlbrenner
    am 02. August 2017
    2.

    Netzausbau um jeden Preis - Energiewende
    Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin
    Noch einen Gedanken zum Brief der Bürgermeisterin Irmgard Sauerer aus dem Lkr. Regensburg. Alles richtig, was sie schreibt.
    Meiner Meinung nach ist die Dimension der dezentralen Energiewende jedoch eine weitaus größere. Ich schließe mich hier der Ansicht des ehemaligen MdB Herrman Scheer an. Diese Wende ist die größte Veränderung in unserer Gesellschaft, seit der Einführung des Industriezeitalters. Hierzu sind Wissenschaftler wie z. B. Prof.von Hirschhausen, Prof. Jarras und Prof. Kemfert zu nennen. Gerade Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin bringt den Bezug der dezentralen Energiewende zur Friedenssicherung weltweit, denn regenerative Primärenergien können nicht einfach privatisiert werden. Dagegen wehrt sich das fossile Imperium. Sie würden nicht mehr gebraucht werden. Dazu gehört auch der Bau der riesigen HGÜ-Leitungen mit 500 KV. Sie dienen nur den Kohlekraftwerken und dem Stromhandel. Bezahlt vom Verbraucher. Perfekter Plan. Und bitte keine Märchen mehr. Es muss kein Windstrom aus dem Norden nach Bayern. Den brauchen die nördlichen Bundesländer selbst. Der Strom wird auch nicht teurer, wir werden nicht frieren und das Licht wird auch nicht ausgehen. Wir haben nicht zu wenig Strom, sondern zu viel. Tragen Sie zur Sicherung des Weltfriedens bei und beschränken Sie die Einflussnahme des fossilen Imperiums. Dies ist eine Möglichkeit die Fluchtursachen weltweit im Herkunftsland zu bekämpfen, eine beliebte Forderung der Großen Koalition.
    Langfristig führt kein Weg daran vorbei. Ich bin der Meinung, dass diese Argumente, mittel- und langfristig gesehen, überzeugen. - Ich wünsche Ihnen Kraft.
    Hubert Kohlbrenner

  3. Autor Matthias Grobleben
    am 05. August 2017
    3.

    Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin
    unabhängig von den den bereits genannten Argumenten, stellt sich mir die Frage, weshalb über 50 Studien u.a. von namhaften Experten, die sich mit der Energiewende ohne überdimensionierten Netzausbau beschäftigen, nicht berücksichtigt werden.
    Das BMBF gemeinsam mit dem Ökoinstitut hat in einem Projekt "Transparente Stromnetze" versucht verschiedenen Stakeholdern die Notwendigkeit des Netzausbaus deutlich zu machen. Im Rahmen des Projektes wurden verschiedenste Szenarien gerechnet, auch ein Szenaio dem NEP 2025 entsprechend, allerdings ohne die HGÜ-Leitungen. Das Ergebnis der Berechnungen ist, ohne die HGÜ-Leitungen wird das Drehstromnetz geringer belastet als mit den Leitungen!
    Für mich, als einer der Teilnehmer des Projektes, wird damit bestätigt, das die aktuelle Planung der Energiewende keiner besseren und klimaverträglicheren Vision folgt, sondern lediglich wirtschaftliche Interessen einzelner Beteiligter befriedigt.
    Im Übrigen sehe ich die BNetzA als Behörde fachlich und mental nicht in der Lage, einer in der freien Wirtschaft agierenden Firma ein adäquater und ernst zu nehmender Gesprächspartner zu sein. In vielen Gesprächen an denen ich teilnehmen durfte, ist dieser Umstand klar und deutlich zu Tage getreten.
    Allein die Politik ist in der Lage eine zukunftsweisende Energiewende zu initiieren und der freien Wirtschaft aufzuzeigen wo zukünftige Ertragsfelder liegen können.
    Leider beschränkt sich die aktuelle Regierung lediglich darauf, bestehende Strukturen zu festigen. Eine Entwicklung von neuen Ideen oder Visionen würde bedeuten, dass auch die Verfasser der oben genannten Studien in den Entwicklungsprozess der Energiewende mit einbezogen werden um sicher zu stellen, dass nicht einseitigen Interessen der Vorzug gegeben wird.

    In der Hoffnung, neue Gesichtspunkte zur Sprache gebracht zu haben die zum Nachdenken anregen und mit dem Angebot auch weiterhin mit Rat und Tat zur Verfügung zu stehen, verbleibe ich

    Ihr Matthias Grobleben

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