„Direkt zur Kanzlerin!“ – Die Geburt moderner Many-to-One-Kommunikation
Vermutlich wäre alles anders gekommen, wenn Angela Merkel auf die E-Mail von Caveh Zonooz im Spätsommer 2006 geantwortet hätte. Womöglich wäre die Online-Kommunikation dann allerdings auch um eine kleine Revolution ärmer und die moderne Many-to-One-Kommunikation hätte niemals das Licht der Welt erblickt.
Zusammen mit anderen Studenten der Fachhochschule Brandenburg hatte der spätere direktzu-Gründer vor knapp viereinhalb Jahren eigentlich die Idee einer neuartigen Internet-Präsentation von Immobilien umsetzen wollen. Zur Finanzierung des Projekts war Zonooz auf der Suche nach Fördermitteln. Und nachdem auf eine Bewerbung beim Wirtschaftsministerium keine Rückmeldung kam, wandte er sich mit einer E-Mail an die Bundeskanzlerin. Zurück kam eine unpersönliche Standardantwort, die nicht zufriedenstellend für ihn und seine Mitstreiter war.
Wenig später verfolgte Zonooz über das neue Internetangebot „Die Kanzlerin direkt“ eine persönliche Podcast-Ansprache von Frau Merkel. Darin hieß es, dass Deutschland weltweit zwar bei der Anmeldung von Patenten führend sei, wenn es um die Einführung neuer Produkte auf dem Markt ginge, jedoch oft nicht das schaffe, was in diesem Land stecke. Unser CEO wäre bei diesen Worten am liebsten in den Bildschirm gesprungen. Schließlich stand er da mit einer guten Idee, hatte genau mit diesem Problem zu kämpfen und war bei der Politik mit seinem Anliegen bisher nur auf taube Ohren gestoßen. Gern hätte er Frau Merkel auf ihre Podcast-Ansprache geantwortet, wo jungen Unternehmern der Schuh drückt und woran die Umsetzung neuer Produktideen scheiterte. Jedoch gab es keinen dafür vorgesehenen Feedback-Kanal. Und eine weitere E-Mail zu schreiben bot kaum Aussicht auf Erfolg.
Aber dann kam Zonooz die Idee: Warum sollte er nicht aus der Not eine Tugend machen? Tatsächlich waren zum damaligen Zeitpunkt alle Formen der Online-Kommunikation realisiert, bis auf eine: Menschen konnten one-to-one E-Mails versenden oder many-to-many chatten und in Blogs, Foren und sozialen Medien ihre Meinungen untereinander austauschen. Der Podcast der Kanzlerin erfüllte die Funktion, die zuvor klassischen Print- und Rundfunkmedien vorbehalten gewesen war, indem er Botschaften von Frau Merkel one-to-many an die Bürger vermittelte. Was fehlte war ein entsprechender Feedback-Kanal, der das auch in umgekehrter Richtung ermöglichte.
Zonooz erkannte eine Lücke in der Online-Kommunikation und fasste daher den einfachen, aber folgenreichen Gedanken, eine Rückkopplung zu „Die Kanzlerin direkt“ zu schaffen – ein Feedback-System, über das sich Frau Merkel nicht nur one-to-many an die Bürger, sondern diese sich mit ihren Anliegen auch direkt, many-to-one® an die Kanzlerin wenden konnten – und zwar öffentlich, ohne Medienfilter.
So entwickelte direktzu-Gründer Caveh Zonooz zusammen mit seinen Mitstreitern Jörg Schiller und Alexander Puschkin innerhalb weniger Wochen den Prototypen einer Many-to-One-Kommunikationsplattform, die den bezeichnenden Namen „Direkt zur Kanzlerin!“ tragen sollte. Bürger sollten sich mit ihren Anliegen online, in Form von Schrift-, Ton- oder Videobeiträgen, direkt an die Kanzlerin wenden. Dabei waren sich die Entwickler einer Hürde bewusst, mit der sie selbst schon in Berührung gekommen waren. Die Kanzlerin konnte unmöglich über die nötigen Ressourcen verfügen, um auf die Fragen von Millionen von Bürgern individuell zu antworten. Es bestand ein Ressourcenkonflikt. Deshalb hatte Zonooz auf seine E-Mail auch nur eine Standardnachricht und keine persönliche Antwort der Kanzlerin erhalten. Eine Hauptfunktion der Plattform musste also sein, die Masse der Anfragen many-to-one® zu bündeln und zu priorisieren, so dass sich der Adressat der Plattform auf eine Beantwortung der relevantesten Beiträge konzentrieren konnte.

Grafik: Die drei direktzu-Gründer mit “Direkt zur Kanzlerin!” (v.l.n.r.): Zonooz, Puschkin und Schiller
Mit zunächst sehr bescheidenen Mitteln setzte das Trio die erste Version des Many-to-One-Konzepts in die Tat um. Im September 2006 entschlossen sie sich dazu, mit dem ersten Release von „Direkt zur Kanzlerin!“ online zu gehen. Eine Abstimmung mit dem Kanzleramt dazu gab es nicht. Sie versendeten zum Plattform-Start lediglich eine Pressemitteilung. Der Rest ist ein Stück Internetgeschichte. Die Plattform erreichte innerhalb kürzester Zeit eine so große Bekanntheit im Netz, dass man sich seitens der Bundesregierung bereit erklärte, auf die wichtigsten Bürgeranliegen der Plattform zu antworten.
Seit dem 03. Oktober 2006, dem Tag der Deutschen Einheit, haben hunderttausende von Bürgern über direktzu Antworten auf ihre wichtigsten Fragen von Frau Merkel und anderen Spitzenpolitikern erhalten. Das Tool bewährte sich schnell in der Bürgerkommunikation, so dass dem Vorbild der Kanzlerin alsbald weitere Politiker mit ihren eigenen direktzu-Plattformen folgten.
2008 gelang Zonooz, Schiller und Puschkin mit der direktzu-Idee eine weitere Sensation. Nachdem sie die klassische One-to-Many-Kommunikation mit dem Many-to-One-Modell bereits buchstäblich auf den Kopf gestellt hatten, gelang der Web-Innovation das, was man zuvor ebenfalls nur in umgekehrter Reihenfolge kannte: Das Tool aus Deutschland machte als „Straight2theCandidates“ den Sprung über den großen Teich. Bürger konnten sich über die erste englischsprachige straightto-Plattform mit ihren Anliegen direkt an Barack Obama und andere US-Präsidentschaftskandidaten wenden.
Der zunehmende Erfolg veranlasste das Trio im Frühjahr 2008 schließlich dazu, die direktzu GmbH zu gründen, die sich seitdem als schnell wachsender Marktführer im Bereich softwaregestützter Lösungen für die Many-to-One-Kommunikation etabliert hat. Mehrere Bundes-, Landes- und Kommunalpolitiker setzen direktzu heute als effizienten Feedback-Kanal in der Bürgerkommunikation ein. Aber vor allem auch führende Organisationen, darunter mehrere DAX 30 Unternehmen, haben die Many-to-One-Lösungen von direktzu für ihre interne und externe Kommunikation entdeckt.
Zonooz sollte so am Ende doch noch bekommen, was zuvor unmöglich schien. Zum 3-jährigen Bestehen von „Direkt zur Kanzlerin!“ dankte Frau Merkel den direktzu-Anbietern für ihr Engagement. „Ich freue mich, dass hier aus einer guten Idee etwas Dauerhaftes entstanden ist. Und ich begrüße diese Form des Dialogs im Internet“ (Bundeskanzlerin Angela Merkel am 01.10.2009). Es ist eine besonders glückliche Ironie des Schicksals, dass es zuvor ausgerechnet die Unerreichbarkeit der Kanzlerin gewesen war, die die Entstehung dieser Idee überhaupt erst möglich gemacht hatte.