Sa, 12.05.2012
Die Bundeskanzlerin ist überzeugt, dass junge Leute im geeinten Europa ihre Zukunft sehen – trotz der Euro-Krise. Merkel geht auch davon aus, dass sich mit dem neuen französischen Präsidenten eine “gute Zusammenarbeit” entwickeln wird. mehr
Sa, 12. Mai 2012
Die Fragen stellte Henning Henn, 29, Volontär aus Mainz
Henning Henn: Frau Bundeskanzlerin, am Montag findet der nächste Europatag an Schulen statt, den Sie ins Leben gerufen habe; vor fünf Jahren war das, glaube ich. Was waren Ihre Motive dabei damals?
Bundeskanzlerin Angela Merkel: Das war das Jahr 2007, in dem die Bundesrepublik Deutschland die EU Präsidentschaft hat- te. Und wir haben uns gedacht, wir müssen vor allen Dingen auch der jungen Generation nahebringen, was Europa bedeutet, wie sich Europa weiterentwickelt. Und deshalb dieser Aufruf, dass möglichst viele Politiker an diesem Tag in eine Schule gehen und mit den jungen Leuten diskutieren.
Glauben sie, dass es heute schwieriger ist, junge Menschen für Europa zu begeistern als noch 2007?
Das glaube ich nicht. Ich glaube, dass sich andere Fragen gestellt haben, einfach auch im Zusammenhang mit der Diskussion um den Euro. Aber es gibt auch Dinge, die werden immer selbstverständlicher. Zum Beispiel die Reisefreiheit, über die ja manchmal auch gesprochen wird. Wenn da eine Diskussion besteht: Soll man sie wieder einschränken aus bestimmten Gründen?, dann spüre ich, dass die allermeisten Menschen sagen: Nein, das ist eine tolle Sache, dass wir uns in Europa frei bewegen können. Und deshalb glaube ich, dass es nicht schwieriger geworden ist, aber ein bisschen anders.
Sie haben schon die Stichworte gegeben: Selbstverständlichkeit und Reisefreiheit. Wie vermitteln Sie denn jungen Menschen, dass es eben nicht selbstverständlich ist, dass man von Sardinien bis Flensburg mit dem Auto durchfahren kann, ohne kontrolliert zu werden, sondern ein ganz besonderer Zugewinn an Freiheit?
Ja, das ist immer nicht so einfach, wenn etwas selbstverständlich geworden ist, immer wie- der hinzuweisen und zu sagen: Aber guckt mal 30, 40, 50 Jahre zurück, damals war das ganz anders. Aber man kann schon noch mal darauf hinweisen, dass es Regionen in der Welt gibt, wo man nicht so einfach hin und her reisen kann. Und manchmal fahren ja junge Leute auch in andere Länder, wo man dann wieder einen Pass braucht, ein Visum braucht, und dann schätzt man schon, was man in Europa hat. Insgesamt freue ich mich, dass bestimmte Dinge selbstverständlicher geworden sind. Zum Beispiel, dass Studenten fast alle ein Semester irgendwo in einem anderen europäischen Land verbringen – auch auf der Grundlage toller europäischer Programme. Und was ich mir noch wünsche, ist, dass wir das auch selbstverständlich machen für die ganz normalen Azubis, also für die Auszubildenden, damit die Europa auch noch besser erfahren.
Dann möchte ich einen Schlenker machen und Sie einfach mal ganz direkt fragen: Glauben Sie, der europäische Gedanke ist stark genug, trotz Währungskrise und Europakrise, das Ganze zu überstehen und die Menschen weiterhin zu vereinen? Ja, das glaube ich. Ich glaube, dass wir einmal sehr stark geeint sind durch unsere gemeinsamen Vorstellungen von Demokratie, von Reisefreiheit, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit. Und auf der anderen Seite wird sich immer stärker auch bemerkbar machen, dass die Menschen wissen: Es gibt sieben Milliarden Menschen auf der Welt. Wir in Deutschland sind immerhin 80 Millionen, aber damit sind wir schon das größte Land. Wenn wir gemeinsam etwas durchsetzten wollen auf der Welt, dann brauchen wir mehr als nur uns. Und da ist die Europäische Union mit 500 Millionen Einwohnern einfach eine sehr, sehr gute Sache. Ob das um Klimaschutz geht, um freien Handel geht oder eben solche grundlegenden Werte wie Meinungs- und Religionsfreiheit.
Es wurde viel darüber gesprochen: Frankreich hat gewählt, einen neuen Präsidenten. Glauben Sie, dass auch mit dem neuen Präsidenten eine stabile Partnerschaft, gerade bei so schwierigen Fragen wie dem Fiskalpakt, möglich ist?
Ja, das glaube ich, denn wir wissen seit Bestehen der Bundesrepublik, dass eine gute deutsch-französische Beziehung einfach ganz wichtig ist – für beide Länder. Und deshalb freue ich mich, dass ich am Dienstag zum ersten Mal François Hollande als neuen französischen Präsidenten in Berlin begrüßen kann. Das wird ein Kennenlerngespräch, aber ich den- ke, daraus wird sich eine gute Zusammenarbeit entwickeln.
Am Dienstag begrüßen sie auch ganz viele junge Menschen hier im Kanzleramt - im Rahmen des Zukunftsdialogs. Was kann Frau Dr. Merkel, was kann die Bundeskanzlerin von einem 14-jährigen Schüler lernen?
Ja, das werde ich ja dann sehen, was ich von einem 14-jährigen Schüler lernen kann. Ich weiß aus vielen Diskussionen in Schulen über die Frage „Wie wollen wir zusammen leben, wie wollen wir lernen“, dass Schülerinnen und Schüler sehr klare Vorstellungen haben. Und ich kann vielleicht etwas lernen, wie selbstverständlich das Internet heute ist – im Gebrauch zum Lernen. Ich kann etwas lernen über die Freizeitvorstellungen oder die Berufsvorstellun- gen von jungen Leuten. Ich kann vor allen Dingen vielleicht auch lernen, wo sie unsere Gesellschaft ungerecht finden und was sie sich wünschen, was verbessert werden sollte. Vielleicht auch ein Tipp, wie wir jungen Menschen – Schülern mit Migrationshintergrund – besser helfen können oder wie sie sich besser integrieren können. Also, ich bin gespannt.
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